In dem Jugendstil-Palais, das zugleich Wohnhaus und Atelier von Rinaldo Carnielo (Biadene, Treviso, 1853 – Florenz 1910) gewesen ist, werden mehr als dreihundert Skulpturen des Künstlers und einige Gemälde aufbewahrt, die von zeitgenössischen Malern wie Silvestro Lega, Michele Gordigiani und Arturo Calosci geschaffen wurden.
Die Sammlung dokumentiert auf hervorragende Weise das Werk dieses Meisters, bei dem sich technisches Können mit eklektischer Vielseitigkeit paarten. Seine Arbeiten spiegeln die Verflechtung der verschiedenen Kunstströmungen wider, die das Klima der italienischen Skulptur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennzeichneten. Die zahlreichen Flachreliefs erinnern an die Reinheit der Renaissanceformen, lassen aber auch etwas von jenem Einfluss verspüren, den die florentinische Kunst des Quattrocento auf den Künstler venezianischer Herkunft ausübte; die großen Gipsfiguren ebenso wie die vorbereitenden Skizzen deuten auf die Suche nach einem zuweilen schonungslosen Verismus hin. Die kleinen Bronzefiguren, die ursprünglich als Raumschmuck (Vasen, Tafelaufsätze, Türflügel) entstanden sind, zeugen von der Lust an kapriziösen und irrealen Formen, wie sie dem Jugendstil eigen sind.
Der Bildhauer war ein hervorragender Vertreter der Denkmalkunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Gleichermaßen Verist und Symbolist, machte er sich in Florenz zum Interpreten und Protagonisten einer europäisch ausgerichteten Kunstsprache der Avantgarde. Er beteiligte sich an den größten internationalen Ausstellungen. Er pflegte enge Beziehungen sowohl zum Ambiente der Macchiaioli, deren Freund und eifriger Sammler er war, als auch zur kosmopolitischen Gesellschaft, die in jenen Jahren in Florenz anzutreffen war.
Die Galerie wie auch das Gebäude, das für die Aufnahme von Künstlerateliers bestimmt ist, gingen 1957 dank dem Nachlass des Sohnes des Bildhauers, Enzo Carnielo, in den Besitz der Stadt Florenz über.